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Bilder aus der Vergangenheit: Vier Jungs im Garten der Eltern, beim Fußballspielen. Beim Lagerfeuer mit Vater und Mutter (die vier Jungs sind Brüder). Im Probekeller des Elternhauses, wo Instrumente zu jeder Zeit bereitstehen. Beim Fest mit der dreißig Menschen umfassenden Familie – irgendjemand spielt immer ein Lied, der Onkel, die Tante, die Brüder selbst. Der Großvater sagt im Lauf des Abends dem Himmel danke. Ein Gefühl von Zusammengehörigkeit umfängt diese Abende wie ein durchsichtiger Schleier.

Es sind diese Bilder, die hinter Vows stehen, dem ersten Album der vier Brüder. Benjamin, David, Joshua und Manuel Weingärtner tauchen in ihre gemeinsame Identität ein wie Potter ins Pensieve. Und schöpfen eine Musik, die weniger aus Tönen und mehr aus einer verschworenen Stille besteht. Kleine Kathedralen der Erinnerung: Auf Vows gibt es nichts zu sagen außer der Musik, es gibt kein Ziel, außer das der gemeinsamen Vertiefung.

Gleich zu Beginn des Albums ist das kollektive Verschwinden der Brüder tief anrührend, wenn der erste Song plötzlich Fahrt aufnimmt und eine neue Melodie scheinbar ziellos für eine Minute vor sich hin summt. Schön sein lassen: Das ist auf diesem Album ein wichtiges Thema. Auch beim zweiten Song, Heavy Kindness, wird die Erinnerung Musik. Ein Kind wird geboren, jemand verliert fast sein Leben – die Bilder sind eindrücklich, das private Gefühl wird zur allgemeinen Erfahrung. »Music is memory raised to an emotion«, sagt Jazz-Metaphysiker Ornette Coleman (1930–2015). Hier versteht man, was er meint.

Eigentlich, sagt die Band, haben wir schon immer zusammen gespielt. Räuber und Gendarm, damals im Haus der Eltern auf dem niedersächsischen Land am Bremer Stadtrand. Später dann Musik im oben erwähnten Probekeller. Doch bevor die Brüder zur Band werden, müssen sie sich selbst entdecken und den Rollen des brüderlichen Miteinanders entkommen, indem sie sich in die Republik verstreuen. Es vergehen einige Jahre, dann finden zunächst David (Gitarre, Gesang) und Manuel (Schlagzeug) wieder zusammen. Bald darauf kommt Benjamin dazu, der zu jenem Zeitpunkt gerade jede wache Minute mit seiner neuen Gitarre und einigen Alben von John Frusciante verbringt. Fehlt noch Joshua, der das Bassspielen von Metal- und Hardcore-Bands erlernt: Dann gibt es Vows. Viele verschiedene musikalische Vorlieben müssen synchronisiert werden, was nur gelingt, weil die brüderlichen Bande einiges verbinden – nur langsam wird aus den Unterschiedlichkeiten der Sound, den die Band auf diesem wundervollen Debütalbum nun auf den Punkt gebracht hat. In Zusammenarbeit mit Produzent Dennis Jüngel (Ωracles) entsteht in einem zum Tonstudio umgebauten Schloss nahe Dresden eine Musik, die US-amerikanischen Postrock und Indiepop mit britischem Wave vermengt, vor allem aber von der Verbundenheit der Brüder lebt. Man spricht ja von blindem Verständnis, aber blind ist dieses Verständnis nicht, eher sehend, aufeinander achtend, das Gemeinsame suchend.

In gewisser Weise kommen die Bilder der Vergangenheit auf Vows in der Gegenwart an. Im elterlichen Haus war Musik ein Dauerthema – der Vater, selbst Gitarrist und Sänger, liebte US-amerikanische Musik und fütterte die Brüder bei gemeinsamen Autofahrten mit einer Diät aus Bruce Springsteen, Tom Petty, Neil Young und James Taylor. Tatsächlich kann man Vows so hören, wie eine lange Fahrt auf dem Autorücksitz – der Sound macht die Worte aus, die Bilder fliegen vorbei.

Der Garten, den Vater, die brüderliche Verbundenheit: All das spürt man in der verschworenen Inwendigkeit, mit der Vows ihre Musik entwerfen. Dieser Musik wohnt der Zauber des Anfangs inne, aber auch der Zauber des Zukünftigen, als wäre diese Musik eine Resonanz des kommenden Tages.

Jörn Schlüter

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